Erfahrungen in der Corona- Fastenzeit

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Seid etwa einem Jahr begleitet uns das Corona-Virus auf Schritt und Tritt.

Vieles hat sich verändert, manches ist geblieben, anderes ganz aus- und weggefallen.

Was macht die Pandemie mit uns? Wie ändert sie unseren Alltag? Gibt es doch noch Kraft- und Hoffnungsquellen? Was machen die Menschen den ganzen Tag?

 

Hier an dieser Stelle schreiben Menschen von ihren Erfahrungen, die sie in dieser Zeit gemacht haben und sie berichten davon, wie sich ihr Alltag verändert hat. Die ganze Fastenzeit über wird hier jede Woche ein neuer Bericht veröffentlicht und jemand anderes schreibt von seinem Alltag unter Corona und berichtet von seinen Kraft- und Hoffnungsquellen.

Wenn auch Sie etwas zu diesen Erfahrungsberichten beitragen möchten, dann wenden Sie sich gerne an uns.

Corona Erfahrungen: „Alles wirkliche Leben ist Begegnung“ Ein Beitrag für die Heinsberger Zeitung am Sonntag

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Es ist Veilchendienstag 2020: während wir die Karnevalstage ausklingen lassen, macht die Nachricht vom ersten Coronafall im Kreis Heinsberg die Runde. Kurz vor Mitternacht der Anruf vom Bürgermeister: die Leiterinnen müssen informiert werden, dass die Kindergärten ab sofort geschlossen bleiben. „Am Aschermittwoch ist alles vorbei“, dieser karnevalistische Evergreen wird ganz schnell zur bitteren Realität. Plötzlich ist alles anders. Kindergärten und Schulen geschlossen. Das öffentliche Leben kommt zunehmend zum Erliegen. Im Kreis Heinsberg rund zwei Wochen früher als im Rest der Republik.

Sehr schnell muss auch das kirchengemeindliche Leben heruntergefahren werden. Keine Gruppenstunden und Gremiensitzungen mehr, die Besuchsdienste und auch die Präsenzgottesdienste müssen nach einigen Tagen eingestellt werden. Mein 25-jähriges Priesterjubiläum feiere ich mit zwei Mitbrüdern in der Klausurkapelle der Schwestern von Maria Lind … still und leise und doch auch berührend.

Pastoral und Seelsorge leben ganz wesentlich von den direkten Begegnungen, nun verändert sich alles. Das Tun wird nicht weniger aber ganz anders. Seelsorgegespräche per Telefon, unzählige Anfragen per Email, fast alle Absprachen sind zunehmend nur noch digital möglich. Sehr schnell entscheiden wir uns dazu, täglich Gottesdienste zu streamen. Eigentlich ein Unding, ein Gottesdienst ohne versammelte Gemeinde. Uns ist aber wichtig, durch die gestreamten Gottesdienste eine Verbindung zu den Gläubigen herzustellen und eine Mitfeier Daheim zu ermöglichen. Zudem ist uns wichtig, „stellvertretend“ für die Gemeinde Gottesdienst zu feiern in den verschiedensten Anliegen. Zugleich haben wir bis Pfingsten täglich geistliche Impulse auf unserer Internetseite online gestellt.

 

Eine große Herausforderung waren die Osterfeiertage: das wichtigste Fest der Christen. In den Gemeinden wurden Initiativen gestartet, wie Palmzweige, kleine Osterkerzen und Osterimpulse die Menschen erreichen können. Viel Kreativität und Flexibilität waren gefragt. Mit der „Heinsberger Zeitung am Sonntag“ wurde eine kleine Broschüre mit Gedanken und Impulsen zum Osterfest verteilt.

Ein starkes Symbol in der Osternacht ist es, wenn die angezündete Osterkerze in die dunkle Kirche getragen und das Licht an die kleinen Kerzen der Gläubigen weitergegeben wird: allmählich wird der Kirchenraum hell und heller. Ostern 2020 ist das ganz anders. Mit einer ganz kleinen Gruppe sind wir in die dunkle, menschenleere Kirche eingezogen und Schein der Osterkerze blieb das einzige Licht in der Kirche: merkwürdig und beklemmend. Und doch: selbst dieses eine Licht macht die Dunkelheit hell. Ein kleiner Funke Hoffnung in dieser schweren Zeit.

Und ja, an vielen anderen Stellen gab es solche Hoffnungsfunken. In diesen (vor)österlichen Wochen hat mich die Initiative von Jugendlichen imponiert, die sich spontan bereiterklärten, bei der Amos-Tafel in Oberbruch aktiv zu werden. Mit viel Aufwand und Ideenreichtum sorgten die jungen Leute dafür, dass bedürftigen Menschen Lebensmittel nach Hause gebracht wurden, da eine präsentische Lebensmittelausgabe nicht mehr möglich war.

Mitte Mai kam es dann zu einem „Restart“: wieder etwas mehr Begegnungen waren möglich, auch Präsenzgottesdienste. Verschobene Tauffeiern konnten gefeiert werden, ebenso die Erstkommunionen später dann im September. Im Sommer und Frühherbst hatte sich die Lage insgesamt ja ein wenig entspannt, ein Stück Normalität war für viele Menschen wieder möglich geworden.

Vor Weihnachten verschärfte sich die Lage zunehmend, auch das kirchliche Leben musste wieder zurückgefahren werden. Heftig war die öffentliche Diskussion, ob denn Weihnachtsgottesdienste gefeiert werden dürfen. Dank umsichtiger Hygiene- und Sicherheitskonzepte, die wesentlich durch großartiges ehrenamtliches Engagement erarbeitet und umgesetzt wurden, konnten viele Weihnachtsgottesdienste gefeiert werden. Und vielen Menschen, die mitfeiern wollten und konnten, haben diese Feiern ein wenig Hoffnung und Zuversicht geben können.

Mit den deutlich steigenden Inzidenzwerten musste zum Jahreswechsel das gemeindliche Leben weitgehend eingestellt bzw. auf digitale Formate reduziert werden. Bitter war die Entscheidung, die alljährliche Sternsingeraktion in der gewohnten Form abzusagen. Aber es wäre unverantwortlich gewesen, die Kinder als Sternsinger durch die Straßen ziehen zu lassen. Dennoch gab es ganz vielfältige und kreative Ideen, wie der Sternsingersegen auch ohne direkten Kontakt viele Menschen erreichen konnte. Und erstaunlich und erfreulich zugleich ist die Tatsache, dass das Spendenergebnis der Sternsingeraktion 2021 kaum geringer ausgefallen ist … wie gut und wichtig, gerade für die Ärmsten der Armen in dieser Welt, die unter der Corona-Pandemie besonders stark leiden.

Selbstverständlich wurden während der gesamten Corona-Zeit, wo und wann es möglich war, kranke und sterbende Menschen begleitet, Verstorbene beerdigt und Trauernde getröstet.

 

Die Pandemie hat uns allen viel Kraft gekostet. Über uns und die ganze Welt ist etwas hereingebrochen, was wir uns so haben nicht vorstellen können. Vieles wurde uns in dieser Zeit genommen: die schönen Dinge, auf die wir uns gefreut haben; vor allem aber die ganz normalen, alltäglichen Begegnungen. Und da waren und sind so viele existentielle Bedrohungen: die Sorge um die Gesundheit, die Sorge um das eigene Auskommen, die eigene Existenz. Ja, und da ist der Verlust lieber Menschen, die uns für immer genommen wurden.

Diese Corona-Pandemie hat uns so viel geraubt. Manches ist uns unwiederbringbar genommen, da bleibt nur noch die Erinnerung. Manches werden wir vielleicht irgendwann und irgendwie nachholen … und das wird hoffentlich richtig schön!

In dieser Zeit hat für mich ein bekanntes Wort von Martin Buber eine ganz neue Dimension bekommen: „Alles wirkliche Leben ist Begegnung.“

Wenn ich auf die zurückliegenden Zeit schaue, dann spüre ich, wie sehr ich unmittelbare Begegnungen vermisse, ich sehe aber auch positive, heilsame Erfahrungen. Kreativität und Phantasie waren gefragt, neue Wege der Begegnung auch ohne direkten Kontakt wurden entdeckt. Die Einschnitte und der Verzicht haben zu einer Konzentration auf das Wesentliche geführt. Solidarität war deutlicher spürbar in dieser Zeit. Manch unerwartete Wendung hat dieses Jahr gebracht. Freundschaften haben eine neue Qualität bekommen. Den Wert, die Weite und Tiefe des wirklichen Lebens habe ich immer wieder neu entdecken dürfen.

Ich bin in diesen Tagen trotz allem immer noch guter Hoffnung! Eine tiefe österliche Hoffnung, die genährt wird vom Vertrauen in die Gegenwart Gottes, der neues Leben verheißt. Und eine feste Hoffnung, die sich aus dem Vertrauen und dem Wissen speist, dass ich auch in dieser Zeit nicht alleine bin. Weil die Verbundenheit untereinander – trotz aller Einschränkungen – bleibt, ja an Intensität vielleicht sogar zugenommen hat.

Mit dem kubanischen Schriftsteller Alexis Valdés möchte ich mit Hoffnung auf die Zeit nach Corona schauen: „Und alles wird ein Wunder sein. Und alles wird ein Vermächtnis sein. Und das Leben wird geachtet werden. Das Leben, das wir gewonnen haben.“

 

Markus Bruns